Geschlechtergerechte Sprache im Französischen: 
nichtsexistische, geschlechtsneutrale oder inklusive Sprache? 1

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Geschlechtergerechte Sprache im Französischen: 
nichtsexistische, geschlechtsneutrale oder inklusive Sprache? 1
Daniel Elmiger. 2022.
https://www.sprache-und-gendern.de/beitraege/geschlechtergerechte-sprache-im-franzoesischen (abgerufen am 21.01.2022)

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1 Dieser Text knüpft an eine Glosse an, die 2021 unter dem Titel «Y a-t-il un guide dans la rédaction?» in der Zeitschrift GLAD! erschienen ist.

Das Thema geschlechtergerechte Sprache ist zwar nicht wirklich neu im Französischen, doch in Frankreich, dem traditionellen Stammland der Frankofonie, wurde es lange vor allem unter dem lexikalischen Gesichtspunkt beurteilt: Wie benennt man eine Ministerin: Madame le oder la ministre? Bezeichnet eine ambassadrice eine Botschafterin oder eher die Gattin des Botschafters? Oder wie steht es um la maire («Bürgermeisterin»): sollte auf diese Bezeichnung nicht verzichtet werden, da sie gleich ausgesprochen wird wie la mère («die Mutter») und la mer («das Meer»)? Solche und vielerlei ähnliche Fragen stellten sich im französischsprachigen Raum bis weit in die 1990er-Jahre hinein (und darüber hinaus) – und in Frankreich noch weit länger. Erst 2019 hat die Académie française das Prinzip, dass Frauen in der Regel mit einer femininen Personenbezeichnung benannt werden sollen, allgemein anerkannt.

Seit Herbst 2017 tobt jedoch eine neue Debatte, nämlich diejenige zum Thema inklusive Sprache: In unzähligen Artikeln, Sendungen, Foren und Beiträgen in sozialen Netzwerken wird darüber diskutiert und gestritten, und zwar mit Argumenten, wie sie auch aus dem Deutschen bekannt sind2. Es geht dabei um den Gebrauch einer geschlechtergerechten Sprache, d. h. das, was im Deutschen schon seit Ende der 1970er-Jahre debattiert wird. Diese Auseinandersetzung hat zu vielen Stellungnahmen und Entscheidungen auf politischer Ebene geführt, namentlich zu einer Richtlinie (directive) des französischen Bildungsministers (Blanquer 2021), die sich gegen abgekürzte Doppelformen ausspricht; daneben auch zu einer neuen Generation von Leitfäden für geschlechtergerechte/inklusive Sprache3. Dabei geht es um ein Textgenre (vgl. Elmiger eingereicht), das auch in anderen Sprachen zahlreiche Exemplare hervorgebracht hat: Allein im deutschsprachigen Raum sind seit den 1980er-Jahre über 760 Leitfäden erschienen, die meisten aus den Bereichen Behörden und (Hoch-)Schulen.

In Frankreich – und bedingt durch die Zentralität dieses Landes auch im Rest der Frankofonie – scheint die aktuelle Debatte stark von zwei Leitfäden beeinflusst worden zu sein. Zum einen handelt es sich um ein vom Hohen Rat für die Gleichstellung von Frauen und Männern (Haut Conseil à l'Égalité entre les femmes et les hommes) herausgegebenes Dokument (2015), das zu den ersten einer neuen Generation von Ratgebertexten gehört, die in Frankreich entstanden sind: Es befasst sich weniger als frühere Leitfäden mit den Personenbezeichnungen (deren Bildung im Französischen nicht immer leicht nachzuvollziehen ist), sondern mehr mit den diskursiven Aspekten der Verwendung von Personenbezeichnungen (vor allem, wenn es darum geht, generische maskuline Formen zu vermeiden). Vorgeschlagen werden namentlich Formen, die zuvor im französischsprachigen Raum eher unüblich waren, etwa (S. 15):

l'enseignant.e, les enseignants.e.s; la.le sénateur.rice, les sénateur.rice.s; un.e conseiller.ère municipal.e, des conseiller.ère.s municipaux.ales; la.le chercheur.e, les chercheur.e.s. 

Während manche Formen (etwa enseignant.e, «Lehrer.in») mit verkürzten Doppelformen im Deutschen verglichen werden können (z. B. Lehrer:in, Lehrer*in o. ä.4), ist dies in anderen Fällen nur bedingt möglich, etwa bei la.le sénateur.rice, einer Zusammenführung von la sénactrice und le sénateur («die Senatorin, der Senator»). Vor diesem Leitfaden wurden Kurzformen in der Regel nur mit Vorsicht empfohlen, z. B. in verknappten Texten (beispielsweise Formularen), und bezogen sich in der Regel nicht auf Personenbezeichnungen mit unterschiedlichen Endungen wie sénateur/sénatrice oder conseillère municipale/conseiller municipal («Stadträtin, Stadtrat»). Die Neuigkeit solcher Formen beruht darin, dass sie in einem offiziellen Leitfaden auftauchen und empfohlen werden. Als der Schulbuchverlag Hatier sie 2017 in einem Schulbuch (Questionner le monde) benützt, kann er sich somit auf eine offizielle Empfehlung stützen. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – war der öffentliche Aufschrei beträchtlich, was leicht nachvollziehbar ist: Nicht nur steht die geschlechtergerechte/inklusive Sprache für ein breites Publikum zum ersten Mal zur Debatte, sondern es geht dabei auch um Formen, die kaum je vorgeschlagen worden waren. Gerade im schulischen Bereich stellen sich weitere Fragen, wie etwa die der Verständlichkeit und der Lesbarkeit für ein jüngeres Publikum, oder diejenige, wie konsistent geschlechtergerechte/inklusive Sprache umgesetzt werden soll: Im Vergleich etwa zum Deutschen sind im Französischen mehr Formen maskulin oder feminin markiert, sodass die Vermeidung generisch gebrauchter Maskulinformen oft mehr Mühe bereitet.

Ein weiterer Leitfaden hatte in Frankreich – und in der Folge weit über das Land hinaus – einen bemerkenswerten Einfluss, nämlich derjenige von Haddad (Hg.; 2016) mit dem Titel Manuel d'écriture inclusive («Handbuch der inklusiven Schreibweise»). Das Adjektiv «inklusiv» taucht zwar schon vorher ab und zu in Leitfäden und in der Fachliteratur auf, doch es wurde vor der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre nur sporadisch verwendet. Im Leitfaden des Haut Conseil à l'Égalité entre les femmes et les hommes (2015) beispielsweise taucht inclusif/inclusive nicht auf und das verwandte Wort inclus·e wird eher beschreibendend als definierend verwendet, wenn es heisst: «Pourquoi? Pour que les femmes comme les hommes sont inclus.e.s, se sentent representé.e.s et s'identifient.» («Warum? Damit Frauen ebenso wie Männer eingeschlossen sind, sich dargestellt fühlen und sich identifizieren»; S. 15 und 27). 

Im Anschluss an den Leitfaden von Haddad wird das Thema nun ganz überwiegend neu benannt: Es geht sowohl in der Öffentlichkeit wie auch zunehmend in der Fachliteratur immer mehr um inklusive Sprache, Kommunikation usw. Seit der zweiten Hälfte der 2010er Jahre verdrängt somit inclusif/inclusive andere Bezeichnungen wie non sexiste («nicht-sexistisch», épicène «geschlechtsneutral»), ohne sie jedoch vollständig zu ersetzen. Gemeint ist teilweise dasselbe wie früher (nämlich allgemein «geschlechtergerechte Sprache» (die von einem binären Geschlechterverständnis ausgeht); teilweise werden damit vor allem gewisse Schreibweisen (etwa die mit Mediopunkt) verbunden. Der weit verbreitete, fast schon hegemoniale Gebrauch dieses Adjektivs führt jedoch tendenziell auch dazu, dass die feministische Tradition seit Ende der 1970er-Jahre in Vergessenheit geraten könnte.

Vor 2015 gab es bereits über 100 Leitfäden aus der französischsprachigen Welt (106 in meiner Sammlung5), von denen sich lediglich 10 auf Frankreich beziehen. Die anderen stammen aus anderen Regionen der (nördlichen) Frankophonie: aus Kanada (vor allem die französischsprachige Provinz Québec), Belgien und der Schweiz, aber auch einige aus internationalen Institutionen wie der UNESCO oder dem Europarat. So gesehen hat sich Frankreich erst spät der Diskussion über den diskursiven Umgang mit geschlechtergerechter Sprache angeschlossen, hat sich seitdem aber stark – und quasi mit dem neuen Label «inklusiv» – durchgesetzt. Ebenso wie im Deutschen geht es bei «inklusiver» Sprache manchmal auch um den sprachlichen Einbezug anderer Personen(gruppen), etwa von Menschen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität, unterschiedlicher sexueller Orientierung, Herkunft, Religion usw.

In der Öffentlichkeit wird das Thema der geschlechtergerechten/inklusiven Sprache im französischsprachigen Raum zwar seit weniger langer Zeit breit diskutiert als im deutschsprachigen Raum – aber deswegen nicht weniger heftig. Welche Ansätze sich mittel- und langfristig durchsetzen werden, lässt sich bislang noch nicht beurteilen.

2 Im Französischen sind die Mittel, die zur Erreichung von geschlechtergerechter/inklusiver Sprache eingesetzt werden, ähnlich wie im Deutschen, besonders auf der Ebene der allgemeinen Strategien (Sichtbarmachen, Neutralisieren, Vermeiden). Bei der praktischen Handhabung zeigen sich allerdings einige Unterschiede: So bezieht sich etwa die Genuskongruenz auf mehr Wörter als im Deutschen und es stehen weniger neutralisierte Formen zur Verfügung (wie die nur im Deutschen weitgreifend mögliche Pluralisierung von nominalisierten Adjektiven und Partizipien).

3 Darunter verstehe ich «ein publiziertes Dokument, bei dem es (ausschliesslich oder neben anderen Themen) um die Repräsentation von Personen in der (meistens: geschriebenen) Sprache geht, das eine (mehr oder weniger starke) normative Handlungsaufforderung enthält, nämlich diejenige, die Geschlechter im Sprachgebrauch ausgeglichen(er) zu berücksichtigen, und das die Mittel beschreibt, die dabei verwendet werden sollen: typischerweise eine Liste der Verfahren oder Hilfsmittel, die empfohlen bzw. vorgeschrieben sind oder die vermieden werden sollen.» (Elmiger eingereicht).

Abkürzungszeichen dienen derzeit im Französischen noch weitgehend dazu, binäre (d.·h. feminine und maskuline) Doppelformen zu verkürzen. Die Frage, inwiefern nichtbinäre Personen sprachlich repräsentiert werden können (was etwa im Deutschen durch Gendersterne, -doppelpunkte oder andere Zeichen symbolisiert werden soll) wird zwar diskutiert, ist aber noch kaum Gegenstand der Auseinandersetzung mit sprachlicher Gleichstellung in der breiten Öffentlichkeit.

5 In dieser «Leitfadensammlung» sind mittlerweile 1920 Leitfäden zu über 40 Sprachen (Stand: Anfang Januar 2022) zusammengefasst worden. Eine Beschreibung der Sammlung findet sich in Elmiger (2021).

Literatur

Académie française (2019): La féminisation des noms de métiers et de fonctions. https://www.academie-francaise.fr/sites/academie-francaise.fr/files/rapport_feminisation_noms_de_metier_et_de_fonction.pdf (letzter Zugriff am 3. Dezember 2021)

Elmiger, Daniel (2021): Sammlung Leitfäden für geschlechtergerechte / inklusive Sprache. Collection Guides de langue non sexiste / inclusive. Collection Guidelines for non-sexist / inclusive language. Version 2.0. Université de Genève: Département de langue et de littérature allemandes
https://www.unige.ch/lettres/alman/files/2416/2461/4755/2021.06_Leitfadensammlung_V_2.pdf (letzter Zugriff am 3. Dezember 2021). Die Sammlung kann hier eingesehen werden: https://airtable.com/shrLfUavJqISnRPEf (Stand: 23. Juni 2021).

Elmiger (eingereicht): «Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache im Verlauf der Zeit: Tendenzen in den romanischen Sprachen», eingereicht für die Akten des Romanistischen Kolloquiums XXXV (Geschlecht und Sprache in der Romania: Stand und Perspektiven); Reihe ‚Romanistisches Kolloquium‘ im Narr Francke Attempto Verlag

Haddad, Raphaël (dir.) (2016): Manuel d'écriture inclusive. Faites progresser l'égalité femmes / hommes par votre manière d'écrire. Paris: Mots-Clés (2e édition 2017)

Haut Conseil à l’Égalité entre les femmes et les hommes (2015): Guide pratique pour une communication publique sans stéréotype de sexe. Paris: Haut Conseil à l’Égalité entre les femmes et les hommes


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