Verständlichkeit – wie verständlich ist geschlechtergerechte Sprache?

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Verständlichkeit – wie verständlich ist geschlechtergerechte Sprache?
Marcus Friedrich. 2022.
https://www.sprache-und-gendern.de/beitraege/standard-titel (abgerufen am 26.01.2023)

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Viele Texte beginnen mit einer Fußnote wie „Aus Gründen der Verständlichkeit werden im Folgenden nur maskuline Formen verwendet, Frauen und andere Geschlechter sind aber selbstverständlich mitgemeint“ (Braun et al. 2007). Diese Aussage wird oft wiederholt, aber stimmt sie auch? Sind Texte mit ausschließlich maskulinen Formen wirklich verständlicher als Texte in geschlechtergerechter Sprache? Um diese Fragen zu beantworten, wird im Folgenden zuerst dargestellt, was Verständlichkeit ist und was Texte verständlich macht, bevor anschließend Studien zur Verständlichkeit geschlechtergerechter Sprache vorgestellt werden.

Was heißt „Verständlichkeit“?

 „Verständlichkeit“ bedeutet, dass etwas leicht zu verstehen ist. Der Begriff „Verstehen“ ist wiederum mehrdeutig. Er bezeichnet zum einen ein Produkt und zum anderen einen Prozess. Schnotz (1994) zufolge liegt das Produkt „Textverstehen“ bspw. vor, wenn eine Person eine lückenlose, widerspruchsfreie und angemessene geistige Vorstellung von einem Gegenstand und der kommunikativen Funktion des entsprechenden Textes aufgebaut hat. Die kommunikative Funktion eines Textes zu verstehen, bedeutet dabei bspw., zu erkennen, ob ein Text Werbung, Satire oder ein Tatsachenbericht ist. Der Prozess „Verstehen“ bezeichnet wiederum die geistigen Abläufe, die nötig sind, um das Produkt „Verstehen“ aufzubauen. Verstehen ist ein aufwendiger Prozess, hat aber zahlreiche Vorteile. Wenn etwas einmal verstanden wurde, wird es nicht mehr schnell vergessen. Die geistige Repräsentation des Verstandenen kann dazu genutzt werden, um das Verhalten der Umwelt geistig vorwegzunehmen. Wenn ich bspw. die Prinzipien des Segelns verstanden habe, dann weiß ich, was passiert, wenn ich bestimmte Manöver mit dem Segelboot vornehme. „Verständlichkeit“ bezeichnet also die Leichtigkeit, mit der die Verstehens-Prozesse ausgeführt werden können.

Wann ist ein Text verständlich?

Wie verständlich ein Text ist, hängt sowohl von den Merkmalen des Textes als auch von den Eigenschaften der Lesenden ab. Auf Seiten der Lesenden sind vor allem das Vorwissen, die Lesekompetenz, die Motivation und die Größe des Arbeitsgedächtnisses bedeutsam. Eine große Zahl empirischer Studien zeigt zudem, dass vor allem die folgenden Merkmale günstig sind: Kurze und geläufige Wörter, kurze Sätze und Sätze mit einer einfachen Syntax, eine klare Gliederung, Überschriften und hohe lokale sowie globale Kohäsion, d. h. ein hoher Zusammenhang der aufeinanderfolgenden Sätze und des gesamten Textes (Friedrich 2017; McNamara et al. 2014). Es hat sich außerdem gezeigt, dass ästhetisch ansprechende Texte verständlicher sind, vermutlich, weil es motivierender ist, sie zu lesen (Langer et al. 2019).

Geschlechtergerechte Sprache und Verständlichkeit

Geschlechtergerechte Wörter sind oft länger und weniger geläufig als nur-maskuline Formen. Das Wort „Ingenieur“ ist z. B. kürzer und kommt sehr viel häufiger im Deutschen vor als die Worte „Ingenieurin“ oder „Ingenieur*in“. Auch Sätze in geschlechtergerechter Sprache sind auf den ersten Blick oft länger und komplizierter als Sätze mit nur-maskulinen Formen. Der Satz „Die Ingenieure arbeiten“ ist bspw. kürzer und einfacher als die Sätze „Die Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten“ oder „Die Ingenieur:innen arbeiten“. Gegner*innen geschlechtergerechter Sprache argumentieren daher, dass Texte in geschlechtergerechter Sprache weniger verständlich und auch weniger ästhetisch seien. Da Studien allerdings zeigen, dass Texte mit nur-maskulinen Formen zu verzerrten Vorstellungen im Hinblick auf das Geschlecht führen (für einen Überblick s. bspw. Irmen & Linner, 2005), kann man argumentieren, dass Texte in nur-maskulinen Formen die intendierte Bedeutung nicht angemessen vermitteln und daher weniger verständlich sind als Texte in geschlechtergerechter Sprache. 

Doch ist es beim Lesen tatsächlich aufwendiger, bspw. „Ingenieurinnen und Ingenieure“ oder „Ingenieur:innen“ statt „Ingenieure“ zu lesen? Tatsächlich gibt es eine Reihe von Experimenten, die diese Annahme geprüft haben (Blake & Klimmt 2010; Braun et al. 2007; Frank-Cyrus & Dietrich 1997; Friedrich et al. 2021; Friedrich & Heise 2019; Friedrich et al. 2022; Gygax & Gesto 2007; Klimmt et al. 2008; Pöschko & Prieler 2018; Rothmund & Christmann 2002; Steiger-Loerbroks & von Stockhausen 2014; für einen Überblick s. Friedrich & Heise 2019). Die Ergebnisse lassen sich dabei wie folgt zusammenfassen: Entgegen der oft wiederholten Behauptung sind Texte in geschlechtergerechter Sprache in der Regel nicht weniger verständlich als Texte mit nur-maskulinen Formen. Texte in geschlechtergerechter Sprache sind umso verständlicher, je ähnlicher die Formulierungen dem alltäglichen Sprachgebrauch sind. Formulierungen wie „Die Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten“ oder „Die Ingenieur*innen arbeiten gerade“ sind bspw. unproblematisch. Umständliche Formulierungen wie „Der*die betreffende Ingenieur*in arbeitet gerade“ oder „Die Personen mit einem Abschluss in Ingenieurswissenschaften arbeiten“ sind hingegen schwerer verständlich. Das eigene Sprachgefühl scheint ein guter Gradmesser dafür zu sein, welche geschlechtergerechten Formulierungen mehr oder weniger verständlich sind. Das typische „Verwaltungsdeutsch“ mit langen, komplizierten Satzstrukturen und Fachvokabular beeinträchtigt die Verständlichkeit von Texten allerdings stärker als geschlechtergerechte Sprache (Friedrich & Heise 2019). 

Einige Studien weisen darüber hinaus darauf hin, dass Texte in geschlechtergerechter Sprache als weniger ästhetisch bewertet werden als Texte mit nur-maskulinen Formen. Dabei handelt es sich jeweils um schwache und in der Regel statistisch nicht signifikante Effekte. Die ästhetische Bewertung hängt zudem wesentlich von den subjektiven Vorerfahrungen ab. Es ist daher gut möglich, dass geschlechtergerechte Sprache umso ästhetischer bewertet wird, je weiter sie verbreitet ist. Zudem kann man argumentieren, dass eine verminderte Ästhetik ein geringer Preis für einen Sprachgebrauch ist, der Frauen und Diverse, ihre Leistungen und Interessen sichtbarer macht.

Quellen

Blake, Christopher & Klimmt, Christoph (2010). Geschlechtergerechte Formulierungen in Nachrichtentexten [Gender-fair references in news stories]. Publizistik, 55, 289–304. doi.org/10.1007/s11616-010-0093-2

Braun, Friederike & Oelkers, Susanne & Rogalski, Karin & Bosak, Janine & Sczesny, Sabine (2007). „Aus Gründen der Verständlichkeit …“: Der Einfluss maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. Psychologische Rundschau, 58, 183–189.

Frank-Cyrus, Karin M. & Dietrich, Margot (1997). Sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern in Gesetzestexten – Eine Meinungsumfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache. Der Sprachdienst, 41, 55–68.

Friedrich, Marcus C. G. (2017). Textverständlichkeit und ihre Messung. Münster, Germany: Waxmann.

Friedrich, Marcus C. G. & Drößler, Veronika & Oberlehberg, Nicole & Heise, Elke (2021). The influence of the gender asterisk (“Gendersternchen”) on comprehensibility and interest. Frontiers in Psychology, 12:5934. doi.org/10.3389/fpsyg.2021.760062

Friedrich, Marcus C. G. & Heise, Elke (2019). Does the use of gender-fair language influence the comprehensibility of texts? An experiment using an authentic contract manipulating single role nouns and pronouns. Swiss Journal of Psychology, 78, 51-60. doi.org/10.1024/1421-0185/a000223

Friedrich, Marcus C. G. & Muselick, Jennifer, & Heise, Elke (2022). Does the use of gender-fair language impair the comprehensibility of video lectures? – An experiment using an authentic video lecture manipulating role nouns in German. Psychology Learning & Teaching, 21(3), 296-309. doi.org/10.1177/147572572211073Gabriel, Ute, & Gygax, Pascal 2016). Gender and linguistic sexism. In H. Giles & A. Maass (Eds.), Advances in intergroup communication (pp. 177-192). New York, NY: Peter Lang.

Gygax, Pascal & Gesto, Noelia (2007). Féminisation et lourder de texte. Annee Psychologique, 107, 239–255. doi.org/10.4074/S0003503307002059

Irmen, Lisa & Linner, Ute (2005). Die Repräsentation generisch maskuliner Personenbezeichnungen - Eine theoretische Integration bisheriger Befunde. Zeitschrift für Psychologie, 213(3), 167-175. doi.org/10.1026/0044-3409.213.3.167

Kintsch, Walter & Vipond, Douglas (1979). Reading comprehension and readability in educational practice and psychological theory. In: L.G. Nilsson (Ed.), Memory processes (pp. 329-365). Hillsdale, N.J.: Erlbaum.

Klimmt, Christoph & Pompetzki, Verena & Blake, Christopher (2008). Geschlechterrepräsentation in Nachrichtentexten [Representation of gender in news texts]. Medien & Kommunikationswissenschaft, 56, 3–20.

Langer, Inghard & Schulz von Thun, Friedemann & Tausch, Reinhard (2019). Sich verständlich ausdrücken. München: E. Reinhardt.

Nuss, Bernd (2018). Base-1 method: A structural-functional approach to word, sentence and discourse readability. Münster: Waxmann.

Pöschko, Heidemarie & Prieler, Veronika (2018). Zur Verständlichkeit und Lesbarkeit von geschlechtergerecht formulierten Schulbuchtexten [On the comprehensibility and readability of gender-fair schoolbook texts]. Zeitschrift für Bildungsforschung, 8, 5–18. doi.org/10.1007/s35834-017-0195-2

Rothmund, Jutta & Christmann, Ursula (2003). Auf der Suche nach einem geschlechtergerechten Sprachgebrauch – Führt die Ersetzung des generischen Maskulinums zu einer Beeinträchtigung von Textqualitäten? Muttersprache, 112, 115–135.

Schnotz, Wolfgang (1994). Aufbau von Wissensstrukturen: Untersuchungen zur Kohärenzbildung bei Wissenserwerb mit Texten. Weinheim: Beltz.

Steiger-Loerbroks, Vera & von Stockhausen, Lisa (2014). Mental representations of gender-fair nouns in German legal language: An eye-movement and questionnaire-based study. Linguistische Berichte, 237, 57–80.


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